Gewalt ist keine Lösung


Wenn beispielsweise die partnerschaftliche Zweisamkeit nicht mehr
funktioniert und der gelebte Alltag sich belastend schwer wie Blei
anfühlt, dann ist eine Veränderung dringend notwendig. Kein
Mensch sollte sich berufen fühlen, unfähige Lebenslügen seines
Gegenübers auszutragen und sich als Prellbock hinstellen zu
lassen.


Natürlich spiegeln wir uns in einer Zweisamkeit und können uns
gegenseitig auf den Nerv gehen. Und nicht selten kommt es vor,
dass wir uns durch eine gelebte Enge und permanente
Anspruchshaltung in eine Rolle gezwängt fühlen, aus der wir
entfliehen wollen. Das alles ist legitim und gehört zum Leben dazu,
nur wie wir uns dann befreien, darauf kommt es an.


Wenn wir es gewohnt sind, andere für unsere eigene Ohnmacht
verantwortlich zu machen, dann erlauben wir uns eine Täterschaft,
die so nicht sein darf. Auch gefühlt einengende Bindungsketten der
innerlich auferlegten Disziplin, die sich spürbar um unseren Körper
legen und uns angeblich unserer Handlungsfähigkeit berauben,
legitimieren keine Aggressionen gegenüber anderen Personen. Es
wird nichts nützen, wenn man lauthals und gewaltvoll versucht
Ketten zu sprengen, da man meint keine Luft mehr zu bekommen.
Gewalt ist keine Lösung!


Doch woher kommen solche Reaktionen und Gefühle, die doch
relativ häufig in Familiensystemen anzutreffen sind? Wenn wir einen
Blick in die eigene Kindheit werfen, dann werden wir übernommene
Muster erkennen, die eindeutig zeigen, dass so manch einer sich
passgenau und unfreiwillig den Lebenssituationen des
Elternhauses angepasst hat. Muster, die wir beispielsweise aus
Unsicherheit einst übernommen haben, müssen dem eigenen
Urnaturell bei weitem nicht entsprechen.


Kinder übernehmen grundsätzlich wertneutral vorgelebte
Verhaltensweisen ihrer Eltern und versuchen sich den gegebenen
Vorgaben und Lebensmaßnahmen stilgerecht anzupassen.
Sollte sich beispielsweise ein Vater durch die väterliche
Verantwortungsdisziplin in seiner Freiheitsentwicklung gehindert
gefühlt haben und eventuell darüber krank geworden sein, dann
könnte sich das heranreifende Kind als Zeitzeuge vorgenommen
haben, dass ihm dies später niemals passieren wird.


Durch solche Prägungen könnten dann im gelebten
Erwachsenenalltag Mechanismen geweckt werden, die Reaktionen
hervorrufen, die man eigentlich so nicht haben möchte. Sollte man
innerlich gestaute Wutaspekte, die sich früh genug spürbar
bemerkbar machen, da sie energetisch das eigene Sichtfeld
übernehmen wollen, nicht stoppen, dann werden die inneren
Stimmen immer lauter, die da rufen, dass der andere Schuld an der
innerlich gelebten Enge hat. Je mehr man dies zulässt, desto mehr
mutiert man zum Täter, da man der eigenen Unzulänglichkeit über
andere Luft verschafft, ohne den innerlich geprägten Stecker zu
ziehen, um eine dauerhafte Lösung zu aktivieren.


Sorgt man nicht für seine eigenen Musterprägungen und
Lebenssysteme, blickt man nicht in den Spiegel der
Selbstreflektion und Erkenntnis, dann scheint eine Art
Lebensunfähigkeit den Alltag zu bestimmen. Ohne Selbstanalyse
erkennt man häufig nur den angeblichen Schmerzbringer im Außen
und meint Ordnung in das innerlich ermahnende Stimmengewirr
bringen zu müssen, indem man lauthals sein Gegenüber in die
Ecke zwängt. Der Spiegelhalter im Außen soll endlich Ruhe geben,
damit die inneren Stimmen die Klappe halten. Doch genauso
funktioniert das System nicht.


Kinder übernehmen Muster aus dem Elternhaus und leben diese im
Erwachsenenleben nach, bis sie erkennen, dass sie etwas leben,
was nicht zu ihnen gehört, um diese unliebsamen Wegbegleiter
wieder abzulegen.


Wenn wir Muster, übernommen aus der Kindheit, ungelöst einen
großen Platz in unserem Leben einräumen, dann werden wir uns
unfrei fühlen und das solange, bis wir uns entlasten von Aspekten,
die nicht zu uns gehören. Fühlen wir uns eingeengt, dann kann es
jedoch sein, dass wir uns wehren und das gegenüber unserem
Umfeld, welches mit unseren gelebten Mustern gar nichts zu tun
hat. Wenn wir dem innerlich geprägten Stimmengewirr zu viel Platz
einräumen und es zulassen, dass das Familienfeld als Prellbock der
Entladung genutzt werden darf, dann richten wir Schaden an, der
größer nicht sein kann. Keine Person im Außen, ob groß oder klein,
wird je für unsere eigene Unzulänglichkeit verantwortlich sein.
Personen im Außen, können lediglich innerlich geprägte
Disharmonien nach vorne ins Bewusstsein rufen, mehr aber auch
nicht.


Wir alle brauchen Personen oder auch teilweise Konfliktsituationen
im Außen, über die wir eigene Muster erkennen können, um zu
spüren, was wir leben und nach welchem Lebensplan wir uns
ausrichten. Sollten sich durch gelebte Situationen Wutemotionen in
uns breiten machen und unser Sichtfeld regieren wollen, dann
wissen wir genau, dass eine innere Veränderung angesagt ist.
Situation im Außen, vor allem durch gelebte Gewalt, steuern zu
wollen, wird nur Schaden anrichten. Wir sollten in solch einem Fall
innehalten und reflektieren, um zu erkennen, wie wir uns neu
positionieren können, um uns wohl zu fühlen. Je glücklicher wir mit
unserem Leben sind, desto strahlender werden wir unserem
Umfeld begegnen können.


In so einem Fall geht es niemals darum äußere Lebenssituationen
zu verändern, sondern lediglich darum, sich innerlich neu
aufzustellen, um in Frieden leben zu können. Natürlich könnte das
auch eines Tages bedeuten, dass äußere Lebensumstände, durch
innere Neuplatzierung keinen Nutzen mehr hat und wir uns eines
Tages lösen, doch wird dies niemals gewaltvoll, sondern im
Gegenteil, stets liebevoll und harmonisch von statten gehen.
Das Leben ist ein Karussell, welches uns an Themen heranführt,
die gelebt, gelöst und gemeistert werden wollen. Erlangen wir die
Meisterschaft, werden wir uns wohl und gesättigt fühlen. Wenn wir
uns sehend verstehen wollen, sollten wir einen Blick auf unsere
erlebte Kindheit werfen, um zu erkennen, welche Musterprägungen
wir einst übernommen und auch nachgelebt haben, um das
ehrenvoll wieder abzulegen, was wir einst mühsam aufgesammelt
haben.


Doch viele hadern mit dem Elternhaus und versuchen die
Vergangenheit verdrängungsmäßig hinter sich zu lassen.
Tiefergehende Erinnerungsblicke in die Kindheit zu werfen, scheint
für viele Menschen unangenehm zu sein und werden eher
vermieden. Doch nützt es nichts, das zu verdrängen, was so
wichtig in uns als Prägung vorhanden ist. Wir können belastende
Ursächlichkeiten nur anpacken und verändern, wenn wir uns auch
trauen wahrhaftig dorthin zu blicken, wo der ursächliche Keim
begraben liegt. Solange wir mit den Eltern hadern, uns mit ihnen
und ihren Unzulänglichkeiten negativ motzend auseinandersetzen,
solange können wir davon ausgehen, dass wir eine
Vermeidungstaktik an den Tag legen, der lediglich einen Prellbock
nach vorn holt und produktive Lösungen absolut beiseite legt.
Um dauerhaft schlechte Bewertungen gegenüber dem erlebten
Elternhaus abzugeben, ohne das wahrhaftige Handlungsspiel zu
erkennen, wird uns keinen Nutzen bringen und ist logisch
betrachtet, reine Zeitvergeudung. Wir müssen nicht gutheißen, was
wir in unserer Kindheit erlebt haben, aber wir sollten produktiv mit
erlebten Mustern umgehen, um uns zu befreien. Wir haben nur eine
begrenzte Zeit und die sollte man sinnvoll nutzen.


Wir sollten nach der Selbsterkenntnis das ablegen, was wir einst
aus unseren Kindertagen übernommen und in unser eigenes
System eingeprägt haben. Lösen wir uns in Selbstdisziplin und
befreien uns von eigenen Gefängnismauern, werden wir stets
handlungsfähig und glücklich sein. Wir können uns auf uns
verlassen und werden weder eine selbst gelebte Täterschaft, noch
eine Opferbereitschaft in uns tragen. Uns wird dann keiner mehr
aus der Ruhe bringen können.


Und sollte uns dann jemand begegnen wollen, der uns auf ein
Täter-/Opferspielfeld einladen möchte, werden wir uns dieser
zwanghaften Einladung, aus der wir uns wieder mit Gewalt befreien
müssten, im Vorfeld entziehen können. Wir sind dann stets
handlungsfähig und können alle Spielfelder so bewegen, wie es
uns und vor allem unserem Lebenswerk entspricht. Wenn wir die
Bereitschaft der inneren Reflexion, Wandlung und Positionierung in
uns tragen, wir Gewalt ein Fremdwort für uns sein.

Quelle: Sabine Guhr-Biermann